Kritische Analyse des BFS-Berichts zur Corona-Pandemie und Übersterblichkeit in der Schweiz 2020–2022

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Untersuchungsfrage

Der BFS-Bericht «Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die natürliche Bevölkerungsbewegung» beschreibt für die Jahre 2020 bis 2022 eine erhöhte Sterblichkeit und führt wesentliche Teile davon auf die Covid-19-Pandemie zurück.

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob während der Pandemie mehr Menschen starben als in bestimmten Vergleichsjahren. Zu prüfen ist vielmehr:

Zusammenfassendes Urteil

Der Bericht belegt überzeugend, dass es insbesondere Ende 2020 aussergewöhnlich starke Sterblichkeitsspitzen gab. Diese Spitzen bleiben auch nach Altersstandardisierung sichtbar und fallen zeitlich mit einer hohen Zahl gemeldeter Covid-19-Todesfälle zusammen. Eine vollständige Leugnung der Übersterblichkeit im Jahr 2020 wäre daher durch die Daten nicht gedeckt.

Deutlich kritischer ist dagegen die pauschale Zusammenfassung der Jahre 2020, 2021 und 2022 als einheitliche Periode starker, durch Covid verursachter Übersterblichkeit. Die drei Jahre unterscheiden sich wesentlich:

Die Daten rechtfertigen daher eine differenzierte Aussage über einzelne Wellen, Altersgruppen und Zeiträume, nicht aber eine pauschale Gleichsetzung von Pandemie, Covid-Todesfällen und gesamter Übersterblichkeit.


1. Der Bericht ist primär deskriptiv und kein Kausalnachweis

Der Bericht erklärt selbst, dass keine neue kausale Untersuchung präsentiert werde. Er fasst beobachtete Daten zusammen und vergleicht die Pandemiejahre mit früheren Jahren.

Trotzdem verwendet er teilweise kausal klingende Formulierungen. Hohe Todesfallzahlen werden beispielsweise direkt der Pandemie zugeschrieben. Methodisch beruht diese Zuordnung im Wesentlichen auf drei Beobachtungen:

Diese zeitliche Übereinstimmung ist ein starkes Indiz, aber kein vollständiger Kausalnachweis. Eine kausale Untersuchung müsste verschiedene Einflussfaktoren systematisch voneinander trennen, darunter:

Der Bericht erwähnt mehrere dieser Faktoren, quantifiziert ihren jeweiligen Anteil aber nicht.


2. Absolute Todesfallzahlen überzeichnen den historischen Vergleich

Der Bericht nennt folgende ungefähre Jahreswerte:

Diese Gegenüberstellung wirkt dramatisch. Methodisch ist sie jedoch nur eingeschränkt aussagekräftig.

Bevölkerungswachstum

Die Schweizer Bevölkerung war 2020–2022 grösser als zu Beginn des Vergleichszeitraums. Selbst bei unverändertem individuellem Sterberisiko wären deshalb mehr Todesfälle zu erwarten gewesen.

Demografische Alterung

Entscheidend ist zudem die wachsende Zahl hochaltriger Menschen. Da die Sterbewahrscheinlichkeit ab etwa 80 Jahren stark zunimmt, führt bereits eine Verschiebung der Altersstruktur zu höheren absoluten Todesfallzahlen.

Der Bericht bestätigt diesen Zusammenhang ausdrücklich. Er stellt fest, dass die Zahl älterer Menschen über Jahrzehnte stark gewachsen sei und die jährliche Zahl der Todesfälle bereits vor der Pandemie kontinuierlich zunahm.

Ungeeigneter Zehnjahresdurchschnitt

Der Durchschnitt 2010–2019 behandelt frühere Jahre mit kleinerer und jüngerer Bevölkerung so, als seien sie direkt mit 2020–2022 vergleichbar. Dabei lag bereits 2019 mit knapp 68’000 Todesfällen deutlich über dem Zehnjahresmittel von 65’000.

Die Differenz zwischen 76’000 Todesfällen im Jahr 2020 und dem Durchschnitt von 65’000 darf daher nicht vollständig als Übersterblichkeit interpretiert werden.

Der geeignetere Massstab sind altersstandardisierte Sterberaten oder demografisch fortgeschriebene Erwartungswerte. Der Bericht verwendet solche Raten später ebenfalls. Dadurch wird aber zugleich deutlich, dass der plakative Vergleich absoluter Jahreszahlen keine eigenständige Beweiskraft besitzt.


3. Die Referenzperiode 2015–2019 ist nicht neutral

Für zahlreiche Berechnungen vergleicht der Bericht die Pandemiejahre mit dem monatlichen Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019.

Diese Wahl ist nachvollziehbar, beeinflusst aber das Ergebnis erheblich.

Fehlende Fortschreibung des demografischen Trends

Ein einfacher Fünfjahresdurchschnitt unterstellt, dass die erwartete Sterblichkeit nach 2019 auf dem durchschnittlichen Niveau der Jahre 2015–2019 geblieben wäre.

Das ist bei einer alternden Bevölkerung fraglich. Wenn die Zahl der über 80- oder über 85-Jährigen wächst, steigt die erwartbare Zahl der Todesfälle auch ohne Pandemie.

Wird dieser Trend nicht vollständig berücksichtigt, liegt die statistische Erwartung zu niedrig. Die berechnete Übersterblichkeit fällt dadurch höher aus.

Kleine Zahl von Vergleichswerten

Für einen bestimmten Kalendermonat, beispielsweise einen November, stehen nur fünf historische Novemberwerte zur Verfügung. Mittelwert und Standardabweichung beruhen somit auf einer sehr kleinen Stichprobe.

Ein einzelnes starkes oder schwaches Grippejahr kann die Referenz merklich verändern.

Fehlende Sensitivitätsanalyse

Der Bericht zeigt nicht, wie sich die Ergebnisse bei anderen Methoden verändert hätten:

Ohne solche Varianten ist nicht erkennbar, welcher Teil der berechneten Übersterblichkeit robust ist und welcher von der gewählten Referenz abhängt.

Die extremen Spitzen 2020 würden wahrscheinlich unter verschiedenen Modellen sichtbar bleiben. Kleinere Abweichungen in den Jahren 2021 und 2022 könnten dagegen wesentlich stärker von der Referenzmethode abhängen.


4. Altersstandardisierung ist notwendig, aber kein objektiver Naturwert

Der Bericht verwendet standardisierte Sterberaten, um Bevölkerungswachstum und Altersstruktur zu neutralisieren. Das ist methodisch grundsätzlich richtig.

Allerdings bezeichnet der Bericht die standardisierten Raten teilweise als Abbildung der «reellen Entwicklung». Diese Formulierung ist zu stark.

Eine standardisierte Sterberate ist ein künstlich berechneter Indikator. Sie beantwortet sinngemäss folgende Frage:

Wie hoch wäre die Sterblichkeit gewesen, wenn die beobachteten altersspezifischen Sterberaten auf eine festgelegte Standardbevölkerung angewendet würden?

Das Ergebnis hängt unter anderem davon ab:

Der Bericht verwendet zudem nicht überall dieselbe Standardbevölkerung:

Beide Verfahren können sinnvoll sein. Die Resultate dürfen aber nicht unbesehen direkt miteinander verglichen werden.


5. Der P-Score ist nicht automatisch altersbereinigt

Der Bericht verwendet den P-Score:

[P\text{-Score} = \frac{\text{beobachtete Todesfälle} – \text{erwartete Todesfälle}} \text{erwartete Todesfälle}} \times 100]

Der P-Score zeigt die prozentuale Abweichung vom Erwartungswert. Er führt jedoch selbst keine Altersstandardisierung durch.

Ob er demografische Veränderungen angemessen berücksichtigt, hängt vollständig davon ab, wie der Erwartungswert berechnet wurde. Beruht dieser auf einem historischen Durchschnitt, während die Zahl hochaltriger Personen wächst, kann der P-Score die Abweichung überschätzen.

Die Aussage, der P-Score neutralisiere Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur, ist deshalb nur dann korrekt, wenn bereits der verwendete Erwartungswert demografisch angepasst wurde.


6. Die Übersterblichkeit konzentrierte sich fast vollständig auf ältere Menschen

Einer der wichtigsten Befunde des Berichts ist die extrem ungleiche Altersverteilung.

Der Bericht stellt fest:

Auch eine spätere BFS-Auswertung kam für die Schweiz auf ungefähr 19’000 zusätzliche Todesfälle während 2020–2022, davon lediglich rund 250 bei Menschen unter 65 Jahren.

Dieser Befund bedeutet:

Die Alterskonzentration widerlegt die Übersterblichkeit nicht. Sie verändert aber ihre gesellschaftliche und gesundheitspolitische Interpretation wesentlich.


7. Covid-Todesfälle sind nicht identisch mit zusätzlichen Todesfällen

Der Tessin-Abschnitt enthält einen besonders aufschlussreichen Befund.

Für 2021 wurden im Tessin registriert:

Gleichzeitig starben im Tessin 2021 insgesamt 3118 Menschen. Der Durchschnitt 2015–2019 lag mit 3180 sogar höher.

Damit gab es 2021 im Tessin:

Das zeigt, dass ein als Covid-19 kodierter Todesfall nicht automatisch einem zusätzlichen Todesfall in der Gesamtbilanz entspricht.

Mögliche Erklärungen sind:

Das bedeutet nicht, dass die Covid-Todesfälle «unecht» waren. Es bedeutet, dass Todesursachenstatistik und Nettoübersterblichkeit unterschiedliche Sachverhalte messen.


8. Der Bericht liefert Hinweise auf Mortalitätsverschiebung

Der Bericht nennt selbst die Möglichkeit, dass viele besonders gefährdete Personen bereits 2020 starben, obwohl sie ohne die Pandemie vermutlich erst in den Folgejahren gestorben wären.

Nach einer starken Sterblichkeitswelle kann deshalb eine Phase unterdurchschnittlicher Sterblichkeit folgen. Ein Teil der Todesfälle wurde zeitlich vorgezogen, statt vollständig zusätzlich verursacht.

Im Tessin zeigt sich folgendes Muster:

Für die Gesamtschweiz nennt der Bericht 24 Wochen mit negativem P-Score.

Diese negativen Abweichungen sind für eine Mehrjahresbilanz relevant. Werden nur positive Wochen summiert, ohne spätere negative Abweichungen gegenzurechnen, entsteht eine Bruttosumme der Sterblichkeitsspitzen, aber keine Nettozahl langfristig zusätzlicher Todesfälle.

Für eine vollständige Bewertung wären erforderlich:

Der Bericht beantwortet diese Fragen nicht.


9. Die drei Pandemiejahre verliefen grundlegend unterschiedlich

Die Jahre 2020, 2021 und 2022 sollten nicht als ein einheitliches Sterblichkeitsereignis behandelt werden.

2020: deutliches Ausnahmesignal

Der Bericht nennt:

Auch die standardisierten Sterberaten zeigen sehr hohe Abweichungen:

Diese Werte sind zu gross und zeitlich zu deutlich abgegrenzt, um sie allein mit Alterung oder Bevölkerungswachstum zu erklären.

2021: deutlich geringere Nettoabweichung

Für 2021 nennt der Bericht erhöhte Werte insbesondere im Januar sowie November und Dezember. Gleichzeitig gab es zahlreiche Wochen unter der Erwartung.

Im Tessin lag die gesamte Jahressterblichkeit sogar unter dem Durchschnitt 2015–2019. Das zeigt, dass die Situation wesentlich weniger eindeutig war als 2020.

2022: Übersterblichkeit nicht vollständig durch Covid erklärbar

Eine spätere BFS-Todesursachenanalyse kommt zum Ergebnis, dass die Übersterblichkeit ab Ende 2021 nicht mehr vollständig durch gemeldete Covid-Todesfälle erklärt werden kann.

Für die einzelnen Jahre nennt das BFS Abweichungen von der Erwartung von:

Diese Zahlen bestätigen eine erhöhte Sterblichkeit, zeigen aber zugleich, dass 2021 deutlich weniger stark betroffen war als 2020.

Die Formulierung «drei Jahre starker Corona-Übersterblichkeit» ist deshalb zu undifferenziert. Präziser wäre:

2020 traten ausgeprägte, weitgehend mit den Covid-Wellen übereinstimmende Sterblichkeitsspitzen auf. 2021 war die Nettoübersterblichkeit wesentlich geringer und teilweise durch Untersterblichkeitsperioden kompensiert. 2022 bestand erneut erhöhte Sterblichkeit, deren Ursachen nicht vollständig Covid-19 zugerechnet werden konnten.


10. Die ausgewiesene Übersterblichkeit ist teilweise eine Brutto-, nicht zwingend eine Nettogrösse

Die spätere BFS-Auswertung spricht von ungefähr 19’000 mehr als erwarteten Todesfällen in der Dreijahresperiode. Entscheidend ist, dass sich diese Angabe auf die Wochen mit festgestellter Übersterblichkeit bezieht.

Eine solche Berechnung kann positive Abweichungen erfassen, ohne sämtliche negativen Wochen vollständig gegenzurechnen.

Es sind mindestens drei verschiedene Kennzahlen zu unterscheiden:

Statistisch ausgewiesene Übersterblichkeit

Zusätzliche Todesfälle in Wochen, in denen die beobachtete Sterblichkeit eine festgelegte obere Schwelle überschreitet.

Gesamte Nettoabweichung

Alle beobachteten Todesfälle eines Zeitraums minus alle erwarteten Todesfälle desselben Zeitraums, einschliesslich Wochen mit Untersterblichkeit.

Verlorene Lebensjahre

Differenz zwischen dem tatsächlichen Sterbealter und der sonst zu erwartenden verbleibenden Lebensdauer.

Diese Kennzahlen beantworten unterschiedliche Fragen. Eine Bruttosumme positiver Wochen darf nicht ohne Erklärung als Zahl dauerhaft zusätzlich verlorener Menschenleben interpretiert werden.


11. Kleine Kantone erzeugen statistisch instabile Extremwerte

Der Bericht hebt Appenzell Innerrhoden als Kanton mit der höchsten standardisierten Sterberate hervor. Hinter dem Extremwert standen im betreffenden November lediglich 35 Todesfälle gegenüber durchschnittlich rund zehn.

Bei kleinen Bevölkerungen können bereits wenige zusätzliche Todesfälle sehr grosse prozentuale Abweichungen erzeugen.

Der Bericht warnt selbst vor diesem Problem. Dennoch erzeugen Ranglisten einzelner Kantone leicht einen dramatischen Eindruck.

Hinzu kommt ein Mehrfachvergleichsproblem:

Bei sehr vielen Vergleichen ist statistisch zu erwarten, dass irgendwo ein besonders extremer Wert auftritt. Ohne entsprechende Korrektur sollte ein kantonaler Spitzenwert nicht überinterpretiert werden.

Belastbarer ist das breitere regionale Muster:

Die Pandemie verlief somit nicht als gleichmässiges nationales Ereignis.


12. Die Todesursachenkodierung enthält Unsicherheiten

Die Zuordnung eines Todesfalls zu Covid-19 hängt von ärztlicher Dokumentation, Testung und Kodierungsregeln ab.

Der Bericht unterscheidet zu Recht:

Diese Kategorien werden statistisch aber nicht vollständig getrennt.

Zusätzlich veränderten sich während 2020–2022:

Das BFS geht in einer späteren Publikation davon aus, dass Covid-19 insbesondere zu Beginn und gegen Ende der Berichtsperiode als Todesursache eher untererfasst worden sein könnte.

Die Unsicherheit wirkt damit in beide Richtungen:

Die Gesamtsterblichkeit ist deshalb ein wichtiger Kontrollindikator, kann die konkrete Ursachenverteilung aber nicht allein bestimmen.


13. Zeitliche Übereinstimmung der Impfkampagne beweist keine Kausalität

Im Tessin-Teil wird darauf hingewiesen, dass der Rückgang tödlicher Verläufe mit dem Beginn der Impfkampagne zusammenfiel.

Diese Beobachtung ist plausibel, stellt innerhalb dieses Berichts aber keinen eigenständigen Wirksamkeitsnachweis dar. Gleichzeitig veränderten sich:

Das BFS formuliert in einer späteren Untersuchung entsprechend vorsichtig: Anhand der vorliegenden Todesfalldaten könne nicht beurteilt werden, wie stark Schutzmassnahmen und Impfkampagnen den Pandemieverlauf beeinflusst hätten.

Der Bericht kann somit eine zeitliche Korrelation zeigen, aber die Wirkung einzelner Interventionen nicht isolieren.


14. Was der Bericht belastbar zeigt

Folgende Befunde sind durch die Daten gut gestützt:

15. Was der Bericht nicht belastbar beweist

Nicht belegt sind folgende weitergehende Aussagen:

Schlussfolgerung

Der BFS-Bericht enthält belastbare Hinweise auf eine aussergewöhnliche Sterblichkeitswelle im Jahr 2020, insbesondere bei hochaltrigen Menschen. Die grossen standardisierten Spitzen im Frühjahr und vor allem im Spätherbst 2020 können nicht plausibel allein mit Bevölkerungswachstum oder Alterung erklärt werden.

Gleichzeitig ist die häufige Gleichsetzung von Covid-Todesfällen, Übersterblichkeit und langfristig zusätzlichen Todesfällen methodisch nicht gerechtfertigt.

Besonders aufschlussreich sind:

Die sachlich präziseste Gesamtbewertung lautet daher:

Die Schweiz verzeichnete insbesondere 2020 eine reale und aussergewöhnliche, stark auf hochaltrige Menschen konzentrierte Sterblichkeitswelle, bei der Covid-19 eine wesentliche Rolle spielte. Die Höhe der langfristig zusätzlich verursachten Sterblichkeit ist jedoch geringer und methodisch unsicherer als die Summe aller positiven Wochenabweichungen oder registrierten Covid-Todesfälle vermuten lässt. Für 2021 und 2022 ist die pauschale Bezeichnung als fortgesetzte, ausschliesslich Covid-bedingte Übersterblichkeit nicht ausreichend durch die Daten gedeckt.

 

BFS-Bericht zur Corona-Pandemie